
Unsere Beraterin: Johanna Jacobsson
Ein Gespräch mit Johanna Jacobsson, Beraterin von ComplyDo, Legal Consultant bei Lawcrosse und Dozentin für EU-Recht und digitales Handelsrecht an der IE University
In unserer Insights-Reihe kommen Menschen zu Wort, die prägen, wie ComplyDo über Regulierungen denkt.
In dieser Ausgabe sprechen wir mit Johanna Jacobsson, Beraterin von ComplyDo, Legal Consultant bei Lawcrosse und Dozentin für EU-Recht und digitales Handelsrecht an der IE University in Madrid. Es geht um regulatorische Fragmentierung, Markteintritte und darum, warum Compliance-Arbeit nur einmal gemacht und dann wiederverwendet werden sollte.
Sie sind auf internationales Handels- und Regulierungsrecht spezialisiert. Wie prägt dieser Hintergrund Ihre Arbeit als Beraterin von ComplyDo?
Mein wissenschaftlicher und praktischer Hintergrund läuft im Kern auf eine Frage hinaus: Wie kommen Unternehmen mit fragmentierten, nicht harmonisierten Regelwerken in verschiedenen Rechtsordnungen zurecht? In meiner Dissertation habe ich untersucht, wie föderale und supranationale Systeme Dienstleistungsmärkte liberalisieren. Im Mittelpunkt stand die Frage, wo unterschiedliche Regeln zwischen Rechtsordnungen echte Hindernisse schaffen, auch ganz ohne Zölle.
Neben der Wissenschaft habe ich in der Anwaltspraxis, in einem Thinktank und am Gerichtshof der Europäischen Union zu EU- und internationalem Handelsrecht gearbeitet. Ich beschäftige mich weiterhin auch mit „klassischem“ Handelsrecht für Waren und nicht-digitale Dienstleistungen, doch meine Beratungsarbeit bei meinem Unternehmen Lawcrosse dreht sich heute zunehmend um die digitale Wirtschaft. Außerdem unterrichte ich digitales Handelsrecht und EU-Recht an der IE University in Madrid.
Regeln zu Daten und Datenschutz, Cybersicherheit und KI sind im Grunde das Handelsrecht von heute.
Dieselbe globale Fragmentierung sehe ich heute in einem neueren Bereich: Regeln zu Daten und Datenschutz, Cybersicherheit und KI sind im Grunde das Handelsrecht von heute. Sie entscheiden, wer wo und wie tätig sein darf.
In meiner Beratung für ComplyDo bringe ich diesen vergleichenden Blick ein: Pflichten nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenspiel all der Regelwerke, die ein Unternehmen tatsächlich erfüllen muss. Es ist dasselbe wissenschaftliche Interesse, angewandt auf ein sehr praktisches Produkt.
Der Eintritt in einen neuen Markt ist nicht nur eine kommerzielle, sondern auch eine rechtliche Frage. Was macht aus rechtlicher Sicht eine erfolgreiche Expansion aus, und welche Rolle spielt ComplyDo dabei?
Rechtlich erfolgreich ist eine Expansion dann, wenn Compliance von Anfang an mitgedacht wird und nicht erst auffällt, nachdem das Vertriebsteam schon Verträge unterschrieben und vor Ort Personal eingestellt hat.
Die Rechtsabteilung bremst das Geschäft nicht mehr, sie macht Tempo erst möglich.
Der eigentliche Unterschied ist Transparenz: früh zu wissen, welche Pflichten in einem neuen Markt tatsächlich gelten und wo sie sich mit dem überschneiden, was das Unternehmen anderswo bereits tut. ComplyDo gibt Rechts- und Compliance-Teams ein strukturiertes, aktuelles Bild der regulatorischen Landschaft, statt für jede Rechtsordnung ein neues Rechercheprojekt zu starten.
Entsteht dieses Bild früh, bremst die Rechtsabteilung das Geschäft nicht mehr, sie macht Tempo erst möglich. Jeder regulatorische Unterschied zwischen Rechtsordnungen kostet ein Unternehmen Geld, doch diese Kosten lassen sich durch effizientes regulatorisches Monitoring und eine gute Abstimmung zwischen Rechts- und Produktteams deutlich senken.
Die meisten Unternehmen behandeln jedes Regelwerk für sich, selbst wenn die Pflichten dieselben sind. Was kostet dieser Ansatz, und wie verändert ComplyDo das?
Die meisten Unternehmen organisieren Compliance noch immer Regelwerk für Regelwerk: ein DSGVO-Team, ein DORA/NIS2-Team, ein Data-Act-Team. Jedes führt seine eigene Tabelle und seine eigenen Nachweise, obwohl sich vieles davon in allen dreien wiederholt. Zugriffskontrollen, Incident Response und die Prüfung von Dienstleistern tauchen in einem Artikel nach dem anderen auf, nur jeweils anders formuliert.
In der Produktregulierung reicht die Überschneidung noch tiefer, bis in die Legaldefinitionen. Begriffe wie „Hersteller“ oder „Inverkehrbringen“ haben in den verschiedenen Regelwerken zu Produktsicherheit und Marktüberwachung bewusst dieselbe Bedeutung, denn die EU bemüht sich gezielt um ein einheitliches Vokabular. Eine Anforderung, die unter einer Verordnung erfüllt ist, deckt deshalb oft schon inhaltlich ab, was eine verwandte Verordnung verlangt.
Werden die Regelwerke trotzdem getrennt behandelt, wird jedes von Grund auf neu bewertet und belegt. Die Folge sind doppelte Arbeit, unterschiedliche Auslegungen derselben Anforderung oder desselben Begriffs und langsamere Audits, weil niemand die Zusammenhänge hergestellt hat.
Einmal gesammelte Nachweise und Analysen lassen sich tatsächlich wiederverwenden, statt jede Regulierung als eigene Insel zu behandeln.
ComplyDo erkennt beide Arten von Überschneidungen, die gemeinsamen Kontrollen und die gemeinsamen Rechtsbegriffe. So lassen sich einmal gesammelte Nachweise und Analysen tatsächlich wiederverwenden, statt jede Regulierung als eigene Insel zu behandeln.
Die Zahl der Regulierungen wächst jedes Jahr. Was verlieren Unternehmen, wenn sie Compliance weiterhin manuell steuern?
Das Wachstum ist real, und es betrifft nicht nur digitale Regulierung, sondern reicht weit über Daten und Cybersicherheit hinaus. Produkt-Compliance ist ebenso fragmentiert: Ein Unternehmen, das ein Fahrzeug oder Fahrzeugkomponenten in Verkehr bringt, muss zum Beispiel Typgenehmigungsvorschriften, Emissionsnormen, Anforderungen an Cybersicherheit und Software-Updates sowie zunehmend eigene Einfuhr- und Marktüberwachungsregeln im Blick behalten, oft in mehreren Rechtsordnungen, die sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten ändern.
Kein Compliance-Team wächst so schnell, wie neue Regulierungen entstehen.
Kein Compliance-Team wächst so schnell, wie neue Regulierungen entstehen, weder im Digital- noch im Produktrecht. Wer manuell nachverfolgt, arbeitet zwangsläufig mit einem Mapping, das schon ein paar Monate veraltet ist.
Verloren geht dabei nicht nur Tempo, auch wenn ein langsamerer Markteintritt die sichtbarsten Kosten verursacht. Unternehmen reagieren auf regulatorische Änderungen, statt sie kommen zu sehen, und ihre Leute verbringen ihre Zeit mit manuellen Gap-Analysen, statt sich mit Risiken zu befassen. Das gilt für Unternehmen, die ihre eigenen Pflichten im Blick behalten, genauso wie für Kanzleien und Beratungen, die dieselbe fragmentierte Landschaft für mehrere Mandanten gleichzeitig verfolgen.
Genau dort, wo manuelle Arbeit mit dem Tempo der Regulierung nicht mehr mithalten kann, ist Automatisierung der große Hebel. Sie verschafft Expertinnen und Experten den Freiraum, sich auf das Strategische und die Abstimmung mit anderen Abteilungen zu konzentrieren.